Benehmen

Gutes Benehmen ist lernbar

Für Knigge tun sie alles

Von Stefanie Schmidt, 22.03.11, 14:17h, aktualisiert 22.03.11, 14:18h

Christiane Plöger aus Pulheim ist Fachfrau in Sachen gute Sitten. Ein Schluck Sekt war es, der das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht hat und ihre Berufsentscheidung entscheidend beeinflusst hat.

In der „Knigge-Kiste“ von Christiane Plöger befindet sich unter anderem ein Plastikteller, auf dem ein Schnitzel, Pommes und ein Klecks Ketchup liegen - alles aus Plüsch. BILD: SCHMIDT
 
Pulheim -Für gute Umgangsformen hat sie sich schon immer interessiert, aber als ihr ein Bekannter ein Glas Sekt reichte, das bis zum Rand gefüllt war, dachte sie sich nur noch: „Nein, wie schrecklich“. Und beschloss, guten Stil zu ihrem Beruf zu machen.

So besuchte die gelernte Kosmetik- und Frisörfachfrau verschiedene Weiterbildungen im Bereich Etikette und Stilberatung und schloss sich 2009 dem Vorstand der Deutschen Knigge-Gesellschaft (DKG) an - nun hat sie turbulente Wochen hinter sich. Denn eine Streitfrage hat die Knigge-Gesellschaft gespalten: Darf man per SMS mit seinem Partner Schluss machen? „Auf keinen Fall“, sagt Plöger. „Das widerspricht jeder Art von Respekt und Menschlichkeit.“ Neuen Verein gegründet

Auch bei der Jahreshauptversammlung der DKG hat der Vorstand so abgestimmt - mit nur einer Gegenstimme. Diese kam von DKG-Präsident Hans-Michael Klein. Obwohl die Mehrheit der DKG Schlussmachen per SMS ablehnt, gab Klein wenig später ein Interview, in dem er sagte, dass dies in der modernen Welt durchaus in Ordnung sei. Als Klein zu einer daraufhin einberufenen Vorstandssitzung nicht erschien, entschieden sich die anderen Vorstandsmitglieder zu einem drastischen Schritt: Die sechs Frauen traten von ihrem Amt zurück und gründeten umgehend einen neuen Verein - die Knigge-Gesellschaft für moderne Umgangsformen. „Es gab unüberwindbare Meinungsverschiedenheiten, nicht nur in dem SMS-Fall“, sagt Plöger. Schon mehr als ein Drittel der rund 500 Mitglieder der DKG sind den Frauen in die neue Gesellschaft gefolgt.

 

Dabei geht es Plöger gar nicht darum, alte - und vielleicht auch veraltete - Umgangsformen vehement am Leben erhalten zu wollen. Auch hier kommt wieder das Glas Sekt ins Spiel. „Sie würden nie erleben, dass Frau Merkel mit Ihnen anstoßen will, das macht man eigentlich nicht“, sagt Plöger. Aber nun ist das Anstoßen mit alkoholischen Getränken in der Gesellschaft nun einmal etabliert und den Menschen gefällt es. „Dann muss man auch sagen: »Macht es!« Warum denn auch nicht?“ Bei anderen Verhaltensweisen ist Plöger weniger gnädig, etwa, wenn das Essbesteck nicht richtig gehalten wird - ihr 15-jähriger Sohn kann das bestätigen. In ihrer Pulheimer Wohnung hat Plöger eine große Kiste stehen, ihre „Knigge-Kiste“, darin befindet sich zum Beispiel ein Plastikteller auf dem ein Schnitzel, Pommes und ein Klecks Ketchup liegen - alles aus Plüsch. Daran demonstriert sie Kindern, wie man richtig isst.

 

Besonders beliebt bei den Kleinen ist ein Plüsch-Brathähnchen, bei dem man Schenkel und Flügel abnehmen kann. Eine Plüschkatze verdeutlicht, wie groß der Abstand zum Tisch sein sollte „In Zentimetern kann sich das ja niemand merken“, sagt Plöger „Aber die Vorstellung, dass eine Katze noch auf dem Schoß Platz haben sollte, bleibt bei den Kindern hängen.“ Der Abstand zwischen Rücken und Stuhllehne wiederum sollte einer Plüschmaus entsprechen. Für Erwachsene hat Plöger überdimensionale Hummer und Krebse in ihrer Kiste, an denen sie demonstriert, wie man die Schalentiere korrekt zerlegt.

 

Solche Benimm-Seminare, die von Schulen, Kindergärten oder Firmen gebucht werden, sind nur ein Teil aus dem Angebot, mit dem sich Christiane Plöger vor einigen Jahren selbstständig gemacht hat, nachdem sich lange im Bereich Verkaufstraining und Außendienst für Kosmetikartikel gearbeitet hat. Besonders viel Spaß macht ihr die Arbeit als Stilberaterin, in einigen Wochen wird sie ihren eigenen Laden für Stil- und Farbberatung in Pulheim eröffnen. Mit Frauen - und manchmal sogar auch mit Männern - einkaufen zu gehen, sie bei der Farbwahl von der Kleidung bis zur Haarfarbe zu beraten, den Frauen Schminktipps zu geben und am Ende das Strahlen zu sehen, wenn die Menschen sich selbst kaum wieder erkennen: „Das ist einfach toll“.

Häufig fällt es ihr da auch schwer, Privates und Berufliches zu trennen. „Es passiert mir ständig, dass ich in Kaufhäusern von fremden Leuten gefragt werden, ob ihnen ein Kleidungsstück steht“, sagt Plöger. Und dann kann sie manchmal auch nicht anders, als „Nein“ zu sagen und mit demjenigen das Richtige rauszusuchen. Manchmal entstehen daraus sogar Freundschaften - wie etwa zu einer Frau aus dem südafrikanischen Kapstadt mit der Plöger noch heute Kontakt hat. Sie lernten sich kennen, als die Afrikanerin sich in einem Kölner Schuhladen nicht so sicher war, welche Schuhe ihr am besten stünden.